Die Woche vom 8. bis 12. Dezember stand an der Universität Bonn ganz im Zeichen des deutsch-französischen Dialogs: Bei den erstmals stattfindenden Deutsch-Französischen Tagen (Journées franco-allemandes) mit prominenten Gästen aus Wissenschaft, Politik und Medien standen Vorträge, Diskussionsveranstaltungen, eine Vernissage sowie ein Advents-Café mit Gelegenheit zum persönlichen Gespräch auf dem Programm, in deutscher und/oder französischer Sprache. Alle Veranstaltungen waren sehr gut besucht und es war schön zu sehen, wie groß das Interesse in Bonn am deutsch-französischen Austausch ist, sowohl inner- als auch außerhalb der Universität. Viele Partnerinnen und Partner haben zum Erfolg der Woche beigetragen. Die Bilanz zum Ende des Jahres fällt also sehr positiv aus: Wir danken allen Beteiligten für ihre interessanten Impulse, die vielen engagierten Diskussionen, die guten Gespräche und die netten Begegnungen.
Die Woche begann am 8. Dezember mit der Frankreich-Sprechstunde des CERC in der Philosophischen Fakultät (Rabinstraße 8). Bei Kerzenlicht und Croissants gab es Informationen zum Veranstaltungsangebot des Frankreichzentrums, zu universitären Förderprogrammen und frankreichbezogenen Projekten. Nachgefragt waren vor allem Auskünfte über den ERASMUS-Austausch sowie und über Praktika in Bonn und/oder Frankreich.
Im Rahmen der Ringvorlesung Frankreich sprach am 8. Dezember abends ab 18 Uhr Bertrand BINOCHE, emeritierter Professor für Philosophie Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne, im Vortragssaal des Institut français über „Le despotisme selon Montesquieu: Quand l’abus devient la règle“; die Einführung und Moderation übernahm Christina SCHRÖER. Binoche ist einer der besten Montesquieu-Kenner, dessen geschichtsphilosophische und staatstheoretische Schriften noch bis heute politische Debatten beeinflussen. In seinem vermutlich wichtigsten Werk (De l’esprit des lois, Genf 1748) geht es u.a. um die Frage der theoretischen Grundlagen eines universell möglichen Regimes, aufbauend auf dem zentralen Prinzip einer Trennung der Bereiche Gesetzgebung (Legislative), Rechtsprechung (Judikative) und Regierungsgewalt (Exekutive) – und um die Frage, wie man verhindern kann, dass „Despotismus“ als System illegitimer Alleinherrschaft entstehen kann. Leider haben diese Fragen angesichts der weltpolitischen Lage wieder große Aktualität, wie auch die lebhafte Diskussion im Anschluss zeigte. Und ironischerweise verabschieden sich aktuell ausgerechnet die USA mehr und mehr von der Idee der Gewaltenteilung, die sich noch zu ihrer Gründung vor 250 Jahren ausdrücklich auf Montesquieu beriefen.
Am Dienstag, den 9. Dezember, fand der diesjährige Willy-Brandt-Vortrag mit dem ehemaligen französischen Premierminister und sozialistischen Politiker Jean-Marc AYRAULT statt, organisiert von der Friedrich Ebert Stiftung in Kooperation mit der Universität Bonn. Ayrault sprach zum Thema „Mut: Für einen eigenständigen Weg Europas“. Der Referent betonte, dass Europa und die EU ihre weltpolitische Rolle angesichts der vielfältigen geopolitischen Herausannehmen endlich erkennen und umfassend annehmen müssten, und dass Deutschland und Frankreich dabei eine große Verantwortung zukomme. Er plädierte unter anderem für die Vertiefung der gemeinsamen Verteidigungspolitik und den Aufbau gemeinsamer europäischer Verteidigungsstrukturen, neben der Fortführung und dem Ausbau des NATO-Bündnisses. Massive Investitionen in europäische Innovation und Technologie seien ebenfalls unvermeidbar, um Europa weiter zu stärken.
Anschließend entspann sich eine engagierte Debatte zwischen Ayrault und Tobias CREMER (SPD-Europaabgeordneter), moderiert von Lisa LOUIS. Cremer betonte, Putin Kriegs gegen die europäische Idee zeuge von der nach wie vor starken Anziehungskraft der EU. Er sprach sich u.a. auch für die Schärfung des regelbasierten Charakters der EU aus, denn genau darin liege ihre Stärke. Statt sich an vermeintliche Trends der Zeit anzupassen, gehe es eher darum, die eigenen Stärken zu erkennen und sich auf das Wesentliche zu besinnen.
Am Mittwoch, den 10.12., fand im P26 eine Sonderausgabe unseres monatlichen deutsch-französischen Stammtisches als „Advents-Café français“ statt. Zahlreiche Bonner Akteur:innen mit Frankreichbezug, u.a. der Deutsch-Französische Bürgerfonds, das Amt für Internationales der Stadt Bonn, das Gustav Stresemann Institut (GSI), der Deutsch-Französische Chor und die Deutsch-Französische Gesellschaft Bonn und Rhein-Sieg e.V. waren anwesend und stellten ihre Organisation den anderen über Infomaterial oder kurze Präsentationen vor. Es war eine gute Gelegenheit bei Kaffee, Viennoiseries und Plätzchen zu netzwerken und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Direkt im Anschluss war ebenfalls im P26 Hans Ulrich GUMBRECHT von der Universität Stanford zu Gast bei der neuesten Ausgabe unseres CERC-Salons „Denkkulturen“, diesmal in Kooperation mit dem GSI. Er diskutierte mit Peter GEISS zum Thema: „Nach 250 Jahren am Ende? Die westliche Demokratie in Zeiten der Unsicherheit“. Nach einer Begrüßung von Birgit Ulrike MÜNCH, Prorektorin für Internationales, und Impulsen von Gumbrecht und Geiß zur aktuellen Lage der Demokratie in den USA und Europa, ergab sich eine angeregte und teilweise auch kontroverse Diskussion mit zahlreichen Fragen aus dem Publikum. Gumbrecht betonte, es gebe keine Denkverbote, auch die Demokratie müsse im 21. Jahrhundert neue Wege finden, um ihren Fortbestand zu sichern. Da Europa aktuell militärisch in einer Position der Schwäche sei, müsse es sich mehr auf seine Stärken in den Bereichen Wirtschaft und Wissen besinnen.
Am Donnerstag, den 11. Dezember, fand die diesjährige Stresemann-Lecture im Gustav-Stresemann-Institut statt. Bei der Kooperationsveranstaltung der Universität Bonn, des Centre Ernst Robert Curtius (CERC), des Institut français Bonn und der GSI Gustav Stresemann Stiftung, ging es in diesem Jahr tatsächlich besonders um den Namensgeber Gustav Stresemann selbst. Peter GEISS sprach zum Thema „Strategie in Zeiten der Schwäche: Gustav Stresemann und das Lernen aus der Geschichte“. Er analysierte dabei differenziert, wie Stresemann als „lernender Politiker“ die Herausforderungen der damaligen Zeit angehen konnte und zeigte, wie Stresemann selber aus der Geschichte lernte und sich dabei auch auf historische Beispiele berief. Geiß analysierte insbesondere die Quelle des „Kronprinzenbriefes“ ausführlicher, der verdeutlicht, mit welcher Strategie Stresemann bemüht war, die konservativen Kreise der Weimarer Republik für seine Frankreich-Politik zu gewinnen. Die erfolgreiche Teilnahme an der Locarno-Konferenz und die Einigung mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand brachte 1926 beiden gemeinsam den Friedensnobelpreis, an deren Verleihung die Lecture jährlich erinnert. Zum Abschluss des Tages gab es im GSI ein elsässisches Buffet.
Als letzte Veranstaltung der deutsch-französischen Woche gewährte Hans-Ulrich GUMBRECHT am Freitag, den 12. Dezember, Einblick in die Arbeit an seiner intellektuellen Biographie: "Das Leben war besser, als der Text geworden ist" soll schon im nächsten Jahr bei Suhrkamp erscheinen. Auf eindrucksvolle Art und Weise berichtete er aus seinem Leben als deutsch-amerikanischer Romanist, Literaturwissenschaftler, Publizist und Buchautor. Er definierte seine Zuhörerinnen und Zuhörer im P26 dabei als Therapeuten, die durch Zusammenhänge entdecken und spiegeln können, die das autobiografische Subjekt vielleicht selber noch nicht erkannt hat.
Wir danken allen Partnern für die Kooperation und den Teilnehmenden fürs Kommen, Fragen stellen und angeregte Mitdiskutieren! Wir haben uns über das viele positive Feedback sehr gefreut und werden uns um eine Neuauflage der Journées franco-allemandes in 2026 bemühen, voraussichtlich an anderen Orten und mit weiteren Partnern.