Am 21. und 22. Mai hat das CERC in Kooperation mit dem Bonn Cluster für Dependency und Slavery Studies (BCDSS) eine internationale Tagung zum Thema "Beyond Thinking Patterns - Thinking the Universal in a Divided World" durchgeführt.
« La fin de l’universalisme n’est pas celle de l’universel, mais une invitation à universaliser. Faire humanité ensemble, c’est là l’horizon, c’est là le chantier. » Souleymane Bachir Diagne
Das Konzept des „Universellen“ ist umstrittener denn je: Die Weltpolitik wird von Kräften bestimmt, die sich von der Vorstellung verabschiedet zu haben scheinen, dass es universelle Werte und eine mehr oder weniger gemeinsame Wahrnehmung der Realität gibt. Im Zuge der „postkolonialen Wende“ haben zahlreiche geisteswissenschaftliche Disziplinen die Normativität des Universalismus-Begriffs hervorgehoben sowie die in seinem Namen begangenen Machtmissbräuche und Verbrechen aufgezeigt. In vielen gesellschaftlichen Debatten wird der Universalismus mit einem Instrument hegemonialer Macht gleichgesetzt. Zugleich berufen sich selbst jene Kräfte, die das postkoloniale Denken am schärfsten ablehnen, nicht auf die Idee des Universellen, sondern betonen vielmehr übersteigert nationale, kulturelle oder religiöse Besonderheiten.
Bedeutet dieser doppelte „Identitätsrückzug“ (Patrick Boucheron) tatsächlich das Ende des Universalismus oder gar des Universellen? Die Konferenz ging von der Hypothese aus, dass eine bestimmte Art westlichen Denkens, die sich in zahlreichen Denkmustern als hegemonialer und dominanter Universalismus manifestiert hat, ihre Legitimität verloren hat. Doch kann es sich die Menschheit angesichts von Gefahren wie dem Klimawandel und Konflikten mit nuklearem Eskalationspotenzial leisten, auf das Universelle zu verzichten? Ziel der Konferenz war es, alternative Ansätze zur Konzeption des Universellen zu erkunden und deren Geschichte, Praktiken sowie Erscheinungsformen kritisch zu hinterfragen.
Das am Bonn Centre for Dependency and Slavery Studies (BCDSS) entwickelte Konzept der „starken asymmetrischen Abhängigkeiten“ (SADs) kann als Ausgangspunkt dienen, um die komplexen Machtverhältnisse besser zu verstehen, die aus der alten universalistischen Vorstellung von der Rolle des Westens in der Welt hervorgegangen sind. Welche normativen Implikationen werden im Kontext politischer und kultureller Praktiken vermittelt, wie lässt sich die lange Dauer der Allianz zwischen Universalismus und Kolonialismus erklären und welche Ähnlichkeiten (und/oder Unterschiede) lassen sich in einem diachronen und interkulturellen Vergleich feststellen? Im Rahmen eines interdisziplinären und internationalen Austauschs wurden Normativität und Praxis des Universalen reflektiert – unter Einbeziehung konkreter Beispiele aus verschiedenen Kontexten, historischer und sprachlicher Kontroversen, aktueller Herausforderungen für Bildung und Wissenstransfer sowie einer Untersuchung der Rolle von Medien wie Kunst, Literatur, Religion und Recht bei der Herausbildung und Vermittlung von Werten.
Einer der wichtigsten Vertreter einer neuen Konzeption des Universellen, verstanden als „lateral“ (im Gegensatz zum westlichen Konzept der „Vertikalität“), ist der Philosoph Souleymane Bachir Diagne (New York), der an der Konferenz teilgenommen hat. Diagne begreift das Ende des westlichen Universalismus als Aufforderung zu Universalisierung und gemeinsamer Humanisierung. Dieser Ansatz wird auf der Konferenz aus verschiedenen disziplinären Perspektiven erörtert. Anknüpfend an Diagne und die am BCDSS betriebene Forschung wurden verschiedene diskursive Räume des Universellen im Hinblick auf asymmetrische Abhängigkeiten und neue Konzeptualisierungen untersucht: dazu gehören Kunst und Museen als Orte der Polyzentralität, Multiperspektivität und des kulturellen Dialogs; Schulen und Universitäten in ihrer Rolle als Vermittler universeller Werte und universellen Wissens; sowie Religion, Recht und Literatur als Praktiken, die alle Menschen gleichermaßen ansprechen oder darauf abzielen, die Grenzen des Partikularen zu überschreiten.
Wie lassen sich Kulturen und Wissen in einer gespaltenen Welt denken? Wie können soziale Bindungen geschaffen, Werte vermittelt und Rechte garantiert werden, wenn der gesellschaftliche Konsens geschwunden ist und Relativismus, Nationalismus sowie Egozentrik vorherrschen? Auch wenn es unmöglich ist, erschöpfende Antworten auf diese Fragen zu geben, und angesichts der jüngsten grundlegenden Infragestellung der Deutungshoheit der Universität in diesen Belangen, wurde im Rahmen der Tagung als interdisziplinäres und grenzüberschreitendes Forschungszentrum der Versuch unternommen, einen Beitrag zu dieser Debatte leisten.
Das Programm war in drei Sektionen organisiert:
- Universalismus: Dialog und Konflikt
- Das Universelle vermitteln
- Das Universelle in Kunst, Geschichte, Religion und Recht
Die Tagung wurde von Peter Geiß und Christina Schröer in Kooperation mit dem BCDSS, insbesondere Stephan Conermann und Birgit Ulrike Münch, organisiert. Wir danken allen Beteiligten für die spannenden Vorträge und die engagierte Diskussion und freuen uns auf die Fortsetzung dieser Zusammenarbeit im Wintersemester sowie in 2027. Für alle die nicht dabei sein konnten: Die Beiträge sollen u.a. auch online zum Nachlesen publiziert werden.