Dieser Frage gingen wir am 12. März 2026 zusammen mit dem Politikwissenschaftler Dr. Moritz Rehm nach und diskutierten über die Bedeutung von Grenzregionen in der aktuellen politischen Debatte. Dr. Moritz Rehm ist Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt gesellschaftswissenschaftliche Europaforschung an der Universität des Saarlandes.
Rehm erforscht, ob und warum Menschen sich emotional mit Europa verbunden fühlen. In einer Studie wurden 25.000 Menschen befragt, die in Grenzgebieten leben und arbeiten, sowie weitere Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ausgewertet.Für eine emotionale Verbundenheit mit Europa, so Rehm, seien Grenzregionen zunächst kein determinierender Faktor.
Grundsätzlich fühlen sich viele Deutsche emotional mit Europa verbunden: Auf einer Skala von 1 bis10 verorteten sich die Befragten durchschnittlich zwischen den Werten 6 und 7. Im Vergleich fiel auf, dass die Menschen in Grenzregionen im Westen positiver abstimmten als im Osten. Geschlecht, Einkommen, Bildungshintergrund und das Leben in der Stadt bzw. auf dem Land sind Rehms Forschungen zufolge die wichtigsten determinierenden Faktoren, von denen abhängt, ob Büger:innen sich emotional mit Europa verbunden fühlen oder nicht.In Frankreich sei die Lage ziemlich ähnlich: Menschen in Städten in wie Nancy, Strasbourg und Mulhouse fühlten sich europäischer als auf dem Land oder in kleineren Städten. Insgesamt werde Europa in Frankreich allerdings negativer betrachtet als in Deutschland.
Rehm unterstrich insbesondere die Bedeutung funktionierender Governance-Systeme in Grenzregionen. Bürger in Grenzregionen spüren tagtäglich, wie gut Logistik und Infrastruktur zwischen den Ländern funktionieren. Letztendlich gehe es oft um alltägliche Fragen, z.B. ob der Fahrkartenautomat für den Weg zur Arbeit auch Fahrkarten für zwei Stationen nach der Grenze ausstellen könne, oder man eben jeden Tag aufs Neue für diese zwei Stationen eine zweite Fahrkarte kaufen müsse. Solche vermeintlich kleinen Details machten für viele den Unterschied bei der Bewertung der Frage, ob man das Leben in Grenzregionen als Beeinträchtigung oder als Gewinn wahrnimmt.
Auf die Frage, wieso lässt sich im engeren Sinne kein „Grenzregioneneffekt“ nachweisen lasse, bot Rehm folgende Erklärungsansätze an: erstens negative Grenzerfahrungen durch schlecht funktionierende Governance-Systeme und mangelnde Wahrnehmung von Vorteilen der Grenzregion; zweitens die Dominanz von bi- oder trinationalen Gefühlen gegenüber einer europäischen Perspektive; drittens die Wahrnehmung der Grenzmobilität als „natürlich“, nicht als etwas Besonderes; viertens die zweitrangige Bedeutung von Grenzregionen bei nationalen Entscheidungen und im politischen Diskurs. Insbesondere in zentralistischen Ländern wie Frankreich reduziere dies einen möglichen „Grenzregioneneffekt“.
Die Veranstaltung war eine Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Bonn und Rhein-Sieg; die Begrüßung der Anwesenden erfolgte durch Anke Grutschus, Sprecherin des CERC, sowie Detlef Puhl, Präsident der DFG. Eingeladen hatte diesmal DFG-Mitglied Wolfgang Steinborn, der den Referenten vorstellte. Wir haben uns über das große Interesse und die lebhafte Diskussion gefreut: u.a. waren auch die Direktorin des Institut français Bonn, Claire Demesmay, sowie Vertreter:innen des Bundesinstituts für Bauwesen, Städtebau und Raumordnung (BBSR) sowie weiterer Vereine, Studierende und Promovierende der Universität anwesend.
Bei einem „Vin d’honneur“ wurde die Diskussion über die Europaforschung im Grenzraum weiter fortgeführt.
Den Nachbericht der Deutsch- Französischen- Gesellschaft Bonn und RheinSieg e.V. findet sie hier: