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Thomas A. Schmitz

Antikenrezeption im Rahmen der deutsch-französischen Kulturbeziehungen

Die Antike wurde seit ihrer Wiederentdeckung während der Renaissance als gemeinsames europäisches Erbe verstanden; Neulatein als verbindende Sprache einer res publica litterarum, ein gemeinsamer Bezugsrahmen, gemeinsame ästhetische Maßstäbe verbanden Autoren, Gelehrte und Publikum über den gesamten Kontinent. Zugleich jedoch suchten und fanden in der frühen Neuzeit die sich herausbildenden Nationalstaaten in diesem antiken Erbe identitätsstiftende Elemente, sei es in Form von Gründungsmythen (schon seit dem späten Mittelalter gab es Legenden, die etwa einen Francus oder Brutus als Begründer der französischen bzw. englischen Herrscherhäuser benannten) oder in dem ebenfalls seit dem Mittelalter belegten Gedanken der translatio imperii, dem sich dann das Konzept einer translatio studii anschloss. Für Frankreich wird seit der Mitte des 16. Jahrhunderts (Joachim Du Bellays 1549 erschienene Défense et illustration de la langue françoise könnte man als wichtigen Meilenstein benennen) die Frage nach dem richtigen Umgang mit der antiken Kultur zu einer wichtigen Frage. Für die sich gegen Ende des Jahrhunderts allmählich herausbildende doctrine classique ist die „imitation“ antiker Muster ein wichtiges ästhetisches Merkmal. Wie wichtig das Verhältnis zur Antike für die Identitätsfindung des sich rasch zentralisierenden französischen Staats ist, zeigt etwa die 1687 beginnende und über viele Jahrzehnte ausgefochtene Querelle des Anciens et des Modernes.

Mich interessiert in diesem Forschungsprojekt besonders, wie die Antikenrezeption in Frankreich und Deutschland eine histoire croisée darstellt: Beide Seiten reagieren jeweils auf Entwicklungen beim Nachbarn, indem sie sie übernehmen und adaptieren, Alternativen suchen oder sich als Gegenpol positionieren. So ist die Idee eines besonders „griechischen“, philosophisch-tiefen, an der ursprünglichen Volksdichtung interessierten und orientierten Deutschlands seit dem 18. Jahrhundert als Gegentext geschrieben zu einem „lateinischen“, rhetorisch-oberflächlichen und in steriler Imitation verhafteten Frankreich; gegenüber dem kulturell zweifellos überlegenen Nachbarn sucht man nach neuen Möglichkeiten der kulturellen Identität. Umgekehrt sucht das nach der Niederlage von 1870/71 verunsicherte Frankreich auch in einer Professionalisierung seiner Universitäten und damit in den Altertumswissenschaften nach deutschem Vorbild einen neuen Zugang zum antiken Erbe. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert konvergieren Anregungen etwa von Nietzsche, Schliemann oder Freud in Deutschland mit Neuorientierungen in Frankreich etwa seitens des Parnass oder der Suche nach psychologischen Wahrheiten im Mythos.

In dieser histoire croisée gibt es eine Vielzahl von Forschungsmöglichkeiten interdisziplinären Charakters (aus Feldern wie den Sprach- und Literaturwissenschaften, der Archäologie und Kunstgeschichte, der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte, um nur einige Beispiele zu nennen), die über das konventionelle Schema von „Einflüssen“ oder „Vergleichen“ hinausgehen. Besonders wichtig scheinen mir gerade die vielfältigen Verflechtungen und wechselseitigen Positionierungen, die dies zu einem genuinen Forschungsfeld über eine der maßgeblichen „Europäischen Kulturen aus deutscher und französischer Perspektive“ macht.

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