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Regine Strätling

Maophilien in Philosophie, Wissenschaft und den Künsten – eine Studie zur französischen Intellektuellengeschichte mit Ausblick auf Italien und die BRD

Das Projekt mit dem Ziel einer Habilitationsschrift untersucht in einer vergleichenden Perspektive die Faszination der westeuropäischen Intellektuellen durch das maoistische China im Zeitraum von 1950-1980. Im Unterschied zur vorliegenden Forschung liegt dabei das Interesse nicht auf einer Rekonstruktion der zersplitterten Landschaft kommunistischer Gruppierungen, ihrer Verwerfungen und ihrer Manifeste, sondern auf der Untersuchung der Resonanz, die von der Chinafaszination und insbesondere den Chinareisen von Intellektuellen ausging und in die verschiedensten künstlerischen (Literatur, Film,Fotographie, Theater) und wissenschaftlichen Disziplinen wie etwa Literaturwissenschaft, Philosophie, Semiotik, Anthropologie und Psychoanalyse hineinwirkte. Die methodische Herausforderung und Innovation liegt darin, die intellektuellengeschichtliche, zeithistorische und soziologische Dimension des Projekts mit einem Zugang zu den jeweiligen Werken zu verbinden, der die ästhetische und theoretische Produktivität dieses ‚Umwegs über China’ erfasst und damit auch die wechselseitige Gebundenheit von Ästhetik und gesellschaftlichen Diskursen aufweist.

Im Zentrum des Projekts stehen die Chinareisen mehrerer Generationen französischer linker Intellektueller – durchweg Nicht-Sinologen – und die im Zusammenhang mit diesen Reisen entstehenden wissenschaftlichen und künstlerischen Produkte. Der Schwerpunkt liegt auf Frankreich, weil hier die ‚Maophilie‘ in besonders facettenreicher Weise produktiv wurde. Grundsätzlich aber war die intellektuelle Mao-Faszination ein transnationales Phänomen. Die Perspektive ist daher über die Frankreich hinaus zu öffnen, um vergleichende Ausblicke auf zeitgenössische Entwicklungen in Italien und der BRD zu werfen. Dabei ist davon auszugehen, dass die Ausprägungen der Mao-Faszination durch die jeweilige nationale kulturelle Einbettung entscheidend geprägt sind und somit untereinander differieren. Ein weiteres Ziel des Projekts ist es daher, durch die Konturierung dieser Unterschiede einen Beitrag zu einer multiperspektivischen europäischen Kulturgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte zu leisten.

Die behandelten kulturellen Austauschprozesse zwischen China und Westeuropa sind insofern deutlich asymmetrisch, als persönliche Begegnungen von chinesischer Seite streng reglementiert und limitiert waren. So entstanden auf europäischer Seite vielfach aus den zumeist nur wenige Wochen dauernden China-Aufenthalten der westeuropäischen Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Intellektuellen immense Werke und lang anhaltende Inspirationen. Das Besondere und im Rahmen des Forschungsprojekts vornehmlich Interessierende an diesen Begegnungen mit China sind dabei aber weniger die dezidierten Reiseberichte und Reisetagebücher als vielmehr Werke, in denen die Beschäftigung mit China mitunter äußerst hybride Verbindungen mit erst einmal ganz anders gelagerten ästhetischen und wissenschaftlichen Projekten eingeht. Die Sedimentierung der Erfahrungen in und mit China ist, wie ich zeigen will, mitnichten auf die Produktion isolierter Reisetagebücher und -berichte beschränkt, sondern wirkt viel weiter in das jeweilige künstlerische und/oder theoretische Werk hinein. Maos China und maoistisches Denken werden hier zu Projektionsfiguren für die Verhandlung ästhetischer und gesellschaftlicher Fragen; auf die Konturierung der Facetten dieses maoistisch eingefärbten Imaginären zielt das Projekt.

Damit stellt das Forschungsprojekt einen Beitrag zu der gegenwärtig in der Philosophie und den Kunstwissenschaften virulenten Diskussion zur politischen Dimension des Ästhetischen und dem gesellschaftsverändernden Potential der Künste dar, indem es sich nur wenige Jahrzehnte zurückliegenden Debatten zuwendet, die gleichfalls und doch unter dem Einfluss ganz anderer politischer Bezugsgrößen (kalter Krieg, Dekolonialisierung) versuchen, Ästhetik und Politik zusammenzubringen. Zugleich trägt es zur Rekonstruktion der historischen Dimension der derzeitigen Hochkonjunktur des europäischen Interesses an China bei.

 

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