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Michael Bernsen

Schlüsselqualifikation ‚interkulturelle Kompetenz‘ in der deutsch-französischen Begegnung. Die indirekte Kommunikation in Frankreich

Eine der vor allem aus deutscher Sicht befremdlichsten kulturellen Abweichungen vom eigenen Verhalten ist die indirekte Kommunikation in Frankreich. Die französische Kommunikation ist traditionsbedingt stark mündlich geprägt. Die Konversation, als eine der  Formen der Kommunikation, spielt eine herausragende Rolle. Die Kommunikation ist erheblich ausschweifender als die deutsche, die stärker auf die Vermittlung von Informationen ausgerichtet ist. Während Klarheit und Sachlichkeit die nennenswerten Kommunikationsziele in Deutschland sind, wird in Frankreich das spielerische Verhalten durch indirekte Kommunikation besonders geschätzt. Wie Mme de Staël in ihrem Buch De l’Allemagne (1814) beobachtet hat, geht es dabei um viel mehr als um die Botschaft: „Le genre de bien-être que fait éprouver une conversation, ne consiste  pas précisément dans le sujet de la conversation : les idées ni les connaissances qu’on peut y développer n’en sont pas  le principal intérêt ; c’est une manière d’agir les uns sur les autres, [...] de jouir à l‘instant de soi-même, [...] de manifester son esprit dans toutes les nuances par l‘accent, le geste, le regard, enfin de produire à volonté une sorte d’électricité qui fait jaillir des étincelles [...]“ Französische Kommunikation, ganz besonders in ihrer Form als Konversation, hat somit ein doppeltes Ziel: Sie stiftet einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, der dem einzelnen gleichwohl den Freiraum lässt, seine Persönlichkeit intellektuell und ästhetisch zur Geltung zu bringen. Die Subtilitäten französischer Kommunikation zu durchschauen und zu beherrschen, ist eine der größten Herausforderungen in der interkulturellen Begegnung zwischen Deutschen und Franzosen.

Das Forschungsprojekt geht der historischen Entstehung und Bedeutung der in Frankreich vorherrschenden indirekten Kommunikation nach. Gezeigt werden soll, wie sich unter den Bedingungen des absolutistischen Zentralstaats die indirekte Kommunikation als ein Habitus herausbildet, der unter den nicht minder zentralistischen Strukturen der Zeit nach der Französischen Revolution weiterhin Bestand hat. Gezeigt werden soll speziell, wie sich dieser Habitus in der mündlichen Kommunikation am Hof und insbesondere in den Salons des 17. Jahrhunderts herauskristallisiert und wie diese mündliche Kommunikation in der Aufklärung gleichsam modellhaft in die sich auf die Schriftlichkeit verlagernde Literatur übergeht. Diese bildet dann ihrerseits den Kanon jener Texte, die zum Unterrichtsgegenstand des im 19. entstehenden Schulsystems und als normbildend behandelt werden. Wenn der Europarat 2008 in seiner Empfehlung Nr. 1833 mit dem Titel Förderung des Unterrichts in europäischer Literatur in Abs. 3 festgestellt: „Eine Sprache zu kennen bedeutet mehr als sie zu Kommunikationszwecken zu beherrschen. Die Kenntnis großer Werke der Literatur bereichert das Denken und gibt dem Leben mehr Sinn.“- dann gilt dies insbesondere für die französische Literatur, die bis heute immer noch stark an die konversationelle Mündlichkeit früherer Epochen gebunden ist. Die Kenntnis der Literatur, deren Sprache die Schule vermittelt, wird in der Empfehlung des Europarats als besonders geeignet angesehen, interkulturelle Kompetenz – in den Worten der Empfehlung „europäische[n] Bürgersinn“ – zu lehren.

Das Projekt geht im Sinne dieser Empfehlungen der Entstehung jener Dispositionen in Frankreich nach, die sich in der Kommunikation äußern. Diese Einstellungen werden insbesondere in der Literatur spielerisch reflektiert, die nach Marc Fumaroli aus der konversationellen Mündlichkeit hervorgegangen ist. Die Analyse der literarische Reflexion der indirekten Kommunikation seit dem 16. Jahrhundert liefert dazu weitreichende Einsichten, da Literatur den Leser zum Nachdenken anregen will, ohne unidirektionale Antworten zu liefern und programmatische Aussagen zu treffen

Literatur:

Pierre Bourdieu, Ce que parler veut dire. L’économie des échanges linguistiques, Paris: Fayard 1982.

Egon Flaig, „14.5. Habitus, Mentalitäten und die Frage des Subjekts: Kulturelle Orientierungen sozialen Handelns“, in: Friedrich Jaeger/ Burkhard Liebsch (Hrsg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Grundlagen und Schlüsselbegriffe, Metzler, Stuttgart, 2011, S. 356-371.

Marc Fumaroli, Le Genre des genres littéraires français: La conversation (The Zaharoff Lecture for 1990 – 1), Oxford, Clarendon Press, 1992.

Emmanuel Godo, Une Histoire de la conversation (Histoire culturelle. 2), Paris, Classiques Garnier, 2015.

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