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Mechthild Albert

Zur literarischen Verhandlung des Konzepts ‚Versöhnung‘ nach dem Spanischen Bürgerkrieg und seine Bedeutung für Europa

Im vergangenen Jahr, am 1. April 2019, wurde an den 80. Jahrestag des Endes des Spanischen Bürgerkriegs erinnert. Als „Tag des Sieges“, „Día de la Victoria“ wurde der 1. April 1939, der bis 1978 als offizieller Feiertag begangen wurde, seinerzeit zum Gründungsdatum des Franco-Regimes erhoben, womit zugleich die Geschichtsschreibung der Sieger als nationales historisch-politisches Narrativ Verbindlichkeit erlangte. „Die Inhaber der Macht dachten nach 1939 nicht an eine Wiederversöhnung“, kommentiert Walther L. Bernecker (1997: 59); „ihnen ging es vor allem um Rache“, die sie in Form von  politischer Verfolgung, Haft, Zwangsarbeit und Erschießungen ausübten. Nach dem Tod des Diktators am 19. November 1975 gelang der Übergang vom Franco-Regime zur Demokratie vor allem aufgrund eines sog. „Pakts des Schweigens“, dessen juristische Grundlage der Verzicht auf die strafrechtliche Verfolgung von Verbrechen aus der Zeit des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur war. Die sog. Transición (1975-1983) erscheint daher im Rückblick als eine Zeit der historischen Amnesie, des kollektiven Verdrängens, wodurch das Verhältnis zwischen Tätern und Opfern verwischt wurde und sowohl Sühne als auch Versöhnung auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben wurden. Das im Jahre 2007 verabschiedete Gesetz über das Historische Gedächtnis (Ley de Memoria Histórica) beabsichtigte zwar, einem Prozess kollektiver Erinnerungsarbeit Rechnung zu tragen und berief sich in seiner Präambel ausdrücklich auf den Geist der Versöhnung und Eintracht“ („espíritu de reconciliación y concordia“), wurde jedoch in der politischen Öffentlichkeit äußerst kontrovers diskutiert und trug daher nicht wesentlich zur Aussöhnung beider Lager bei. Angesichts des Erstarkens neofranquistischer Strömungen in Gestalt der Partei Vox, die bei den letzten Parlamentswahlen einen Stimmenanteil von ca. 10 % erhielt, ist der Versöhnungsgedanke in der spanischen Öffentlichkeit heute ferner denn je.

Dies nimmt das vorliegende Projekt zum Anlass, eine Rückbesinnung auf das Konzept der „reconciliación“ als Vorstellung einer nationalen Versöhnung zu initiieren: Im Jahr  1956 lancierte die offiziell verbotene und daher –vor allem von Frankreich aus– klandestin operierende Kommunistische Partei Spaniens (PCE) eine Initiative zur nationalen Versöhnung in Form eines Manifests mit dem programmatischen Titel „Für eine nationale Versöhnung, für eine demokratische und friedliche Lösung des spanischen Problems“ („Por la reconciliación nacional, por una solución democrática y pacífica del problema español“). Die darin entwickelte Terminologie fand Eingang in den öffentlichen Diskurs mit Konzepten wie  „nationale Versöhnung“ und  „spanische Solidarität“, was im Gegensatz zur nationalkatholischen Ideologie des Franquismus konkret ein tolerantes „Zusammenleben der Spanier auf Grundlage der gegenseitigen Respektierung unterschiedlicher politischer Positionen und religiöser Überzeugungen“ bedeutete („reconciliación nacional“, „solidaridad española“, „convivencia de los españoles sobre la base del mutuo respeto a las diferentes posiciones políticas y creencias religiosas“). Der Zeitpunkt dieses Versöhnungsangebots (1956) war zudem gut gewählt, da ein Generationswechsel die Annäherung zwischen den Kindern der Sieger und der Besiegten begünstigte. Protagonist dieses Vorstoßes des PCE, der zunächst die Mobilisierung der spanischen Intellektuellen für einen solchen nationalen Aussöhnungsgedanken zum Ziel hatte, war kein Geringerer als Jorge Semprún (1923-2011), ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald (vgl. Le grand voyage, 1963), der Jahrzehnte später, 1994, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet werden sollte. Unter dem Decknamen Federico Sánchez (vgl. Autobiographie de Federico Sánchez, 1976 frz.; span. 1977, ausgezeichnet mit dem Premio Planeta ) organisierte er als Emissär der Kommunistischen Partei u.a. im Jahre 1959 aus Anlass seines 20. Todestages eine Hommage an den Lyriker und Essayisten Antonio Machado (1875-1939) in Collioure. Diese Gedenkveranstaltung im spanisch-französischen Grenzort, wo Machado im Februar 1939 auf der Flucht vor den herannahenden Franco-Truppen starb, ermöglichte die erste Begegnung von Schriftstellern aus Franco-Spanien und dem Exil seit Ende des Bürgerkriegs, wobei der republikanische Autor Machado aus Sicht der Organisatoren als Symbol für Versöhnung und Einheit der ‚zwei Spanien‘ fungierte. Das symbolisch aufgeladene kulturelle Ereignis verband sich darüber hinaus mit der konkreten Forderung nach einer Amnestie für politische Gefangene und Emigranten.

Fokussiert auf den genuin europäischen Autor Jorge Semprún, der gleichermaßen auf Spanisch wie auf Französisch publiziert und die Aussöhnung zwischen den Demokratien und den ehemaligen faschistischen Totalitarismen gesucht hat, will das vorliegende Projekt zum einen den vom kommunistischen Kader propagierten nationalen Versöhnungsgedanken analysieren und im historischen Kontext des politischen wie literarischen Feldes beidseits der Pyrenäen verorten. Zum anderen soll ausgehend von diesem in Vergessenheit geratenen historischen Modell ein Bezug zu der aufgrund des Wiedererstarkens neofaschistischer Bewegungen wie z.B. Vox ideologisch aufgeladenen Gegenwart und ihren kontroversen Diskursen hergestellt werden – etwa mit Bezug auf den vor einem Jahr, am 15. Februar 2019 getroffenen Beschluss des spanischen Parlaments, die sterblichen Überreste Francisco Francos aus der 1940-1958 errichteten franquistischen Gedenkstätte Valle de los Caídos zu exhumieren und ins private Familiengrab zu überführen oder anlässlich der aktuellen Auseinandersetzung um die Entfernung einer Gedenkmauer für die Opfer der Franco-Diktatur in Madrid und die damit verbundenen juristischen wie literarischen Aktionen (Diffamierung und Rehabilitation der im August 1939 hingerichteten „13 rosas“, Kämpferinnen der sozialistischen Jugendverbände; Stellenwert des antifaschistischen Dichters Miguel Hernández). Darüber hinaus lassen sich diese Fragestellungen anhand der spanischen Memoria-Romane seit Mitte der 1980er Jahre analysieren, an denen Jorge Semprun mit dem 2003 publizierten Roman Veinte años y un día Anteil hat.

Anhand der Verknüpfung der Zeitebenen von 1956, 2003 und 2019 ergibt sich die vielschichtige Analyse der teils parteipolitisch, teils erinnerungskulturell motivierten Stellungnahme Sempruns im Kontext der jeweiligen Versöhnungsdiskurse. 
 Interdisziplinär ergeben sich dabei Verknüpfungen und Bezüge zu TRA 4 „Individuen, Institutionen und Gesellschaften“ sowie zu TRA 5 „Past Worlds and Modern Questions. Cultures Across Time and Space“, wobei insbesondere auf Synergieeffekte in Kooperation mit dem Schwerpunkt „Peacebuilding“ im Rahmen der Historischen Friedens- und Konfliktforschung (Prof. Rohrschneider, Prof. Geiss) hingewirkt werden soll – nicht zuletzt im Hinblick auf die unterschiedliche Rolle des Versöhnungskonzepts im Vergleich von Kriegen zwischen Nationen und Bürgerkriegen.

Vorstudien und einschlägige Veröffentlichungen Mechthild Albert

Avantgarde und Faschismus. Spanische Erzählprosa 1925-1940, Tübingen: Niemeyer, 1996; spanische Übersetzung: Vanguardistas de camisa azul. La trayectoria de los escritores Tomás Borrás, Felipe Ximenéz de Sandoval, Samuel Ros y Antonio de Obregón entre 1925 y 1940, Madrid: Visor, 2003, übersetzt von: Cristina Díez Pampliega und Juan Ramón García Ober; 2003 ausgezeichnet mit dem Übersetzerpreis der Fundación Goethe, Madrid.

Hg.: Vencer no es convencer. Literatura e ideología del fascismo español, Frankfurt am Main: Vervuert, 1998. 
“’El resplandor en el abismo’: luces y libros en Los libros arden mal de Manuel Rivas”, in: El libro y sus circunstancias. In memoriam Klaus D. Vervuert.Hg. Mariano de la Campa, Ruth Fine, Aurelio González, Christoph Strosetzki, Madrid/Frankfurt: Iberoamericana Vervuert, 2019, 317-334. 
“La recepción de la literatura española durante el Tercer Reich”, in: Insula 867: 2019, 13-17. 
"Spanische Kultur und Literatur im ‘Dritten Reich’", in: Engagement und Diversität. Frank-Rutger Hausmann zum 75. Geburtstag. Hg. Wolfgang Asholt, Ursula Bähler, Bernhard Hurch, Henning Krauß, Kai Nonnenmacher, München: AVM, 2018, S. 15-28. 
"El falangismo: una opción para los jóvenes intelectuales españoles", in: La rabia y la idea. Política e identidad en la España republicana (1931-1936). Hg. Francisco Morente, Jordi Pómes, Josep Puigsech, Zaragoza: Prensas de la Universidad de Zaragoza, 2016, S. 241-260.

(In Zusammenarbeit mit Lena Ringen): 
"La mujer europea según la ideología nazi en la revista Signal (1940-1945): ilustración gráfica, reportaje y ficción", in: Identità, totalitarismi e stampa. Ricodifica linguistico-culturale dei media di regime. Hg. Carla Prestigiacomo, Palermo: Palermo University Press (Memoria & Identità), 2016, S. 27-67. 
"Quema de libros y antitotalitarismo. Manuel Rivas Los libros arden mal y Ray Bradbury Fahrenheit 451", in: Olivar, Vol. 16, Núm. 24, 2015. (http://www.olivar.fahce.unlp.edu.ar/) "‘Sostitute d’onore’. Las mujeres en Legiones y Falanges", in : Stampa e regimi. Studi su Legioni e Falangi/Legiones y Falanges, una Rivista d’Italia e di Spagna. Hg. Chiara Sinatra, Bern: Peter Lang, 2015, S. 107-125.

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