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Konrad Vössing

‚Völkerwanderung‘ versus ‚invasions barbares‘: Wissenschaftliche Reflexion und Selbstreflexion im Kontext divergierender kultureller Prägungen in Deutschland und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert

Zwischen „Völkerwanderung“ und „invasions des baubares“ besteht nicht nur ein semantischer Unterschied, entscheidend ist die Umkehrung der Blickrichtung von innen nach außen oder eben umgekehrt. Diese Perspektivendifferenz entsprach in vergangenen Jahrhunderten eine diametral entgegengesetzte Form (pseudo)-historische Identifizierungen – mit landsuchenden Außenseitern, deren Schicksal, dokumentiert in den Monumenta Germaniae Historica, als irgendwie deutsche Geschichte angesehen wurde, oder mit den Verteidigern des Imperium Romanum gegen fremde Invasionen. Aktuelle politische Gegensätze konnten auf diese Weise ‚grundiert‘ und ideell aufgeladen werden; die unterschiedlichen Sprachfamilien (germanisch versus romanisch) taten ein Übriges. Diese Gegenüberstellung ist schon oft beobachtet und in neuerer Zeit ausreichend bespöttelt worden – in historischer Hinsicht natürlich ganz zu Recht. Denn zwischen den spätantiken Ereignissen und ihrer erstmaligen Integration in „nationale“ Selbst- und Fremdbilder liegen Jahrhunderte; das ändert allerdings nichts an der teilweise tiefen Verwurzelung dieser auf einer Fiktion beruhenden Identitäten. In den Bereich der Althistorie fällt die Epoche, in der die Ausgangssituationen situiert sind und die Quellen, auf die man sich bei ihrer Rekonstruktion beziehen kann (hierzu zählen auch Vorläufer einer bewussten Umkehr der Perspektive), entstanden; erst im späteren Mittelalter und in der Neuzeit bildeten sich die auf bestimmten Selbst- und Fremdbildern beruhenden Identifikationen. Es bieten sich also verschiedene Möglichkeiten der interdisziplinären dt.-franz. Zusammenarbeit. Wenig untersucht scheint dabei die Frage zu sein, auf welche Weise diese teils unbewussten, teils beobachteten Prägungen die einschlägige historische Forschung auf beiden Seiten beeinflussten. Hier ist ein breites Spektrum an Reaktionen zu beobachten, die systematisch zu untersuchen und zu vergleichen ein besseres Verständnis der eigenen und der entgegengesetzten Tradition mit sich zu bringen verspricht.

Als französischer Partner könnte der Althistoriker Hervé Inglebert (Paris X) fungieren, ein Kenner auch der deutsch - französischen Geschichstheorien.

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