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Hui Luan Tran

Projekt: „Natürlich“ über Kunst sprechen. Die Suche nach dem ‚Maß der Natur‘ für die ‚Sprache der Kunst‘ in der französischen Kunstliteratur und Naturwissenschaft des 18. Jahrhunderts

Folgt man Denis Diderot so befand sich die ‚Sprache der Kunst‘ Mitte des 18. Jahrhunderts in einem defizitären Zustand. Im Artikel zur Kunst im ersten Band der Encyclopédie (1751–76) kritisiert er diese mit aller Deutlichkeit:

J’ai trouvé la langue des Arts très-imparfaite par deux causes: la disette des mots propres, & l’abondance des synonymes. 1

Diderot erklärt seinen Unmut über la langue des Arts hier mit zwei Begründungen: Es fehle ihr an den richtigen Worten, während sie zugleich unter einer Flut von Synonymen leide. Um das richtige Maß zu finden, schlägt er daraufhin vor, eine adäquate Sprache in der Natur zu suchen:

Pour cet effet il faudroit chercher une mesure confiante dans la nature, ou évaluer la grandeur, la grosseur & la force moyenne de l’homme, & y rapporter toutes les expressions indéterminées de quantité, ou du moins former des tables auxquelles on inviteroit les Artistes à conformer leurs langues. 2

Im Zusammenhang des ersten Passus ist der Rekurs auf die Natur zunächst erhellend. Denn wenn es an dem ‚Eigenen‘ / ‚Richtigen‘ fehle, während es gleichzeitig viel zu viele Umschreibungen gäbe, lässt dies eine Art topologisches Sprachverständnis vermuten, wonach es für alles Wirkliche – jedes natürliche Ding – einen entsprechenden Begriff gibt. Vermutlich kritisiert Diderot somit, dass die ‚Sprache der Kunst‘ unlängst seine Fähigkeit verloren habe, das Wirkliche, Wahre, die Natur begreifbar zu machen. Sogleich irritieren die Artistes, die im zweiten Passus Erwähnung finden. Dachte man bei den mots propres und den synonymes noch an Sprache im eigentlichen Sinne, ist dies mit den ‚Künstlern‘ nun uneindeutig. Dass hiermit zudem keineswegs nur bildende Künstler gemeint waren, wird klar, wenn man bedenkt, dass die freien Künste und die Naturwissenschaften in Diderots Encyclopédie keiner Trennung unterliegen – so werden in dem Artikel „Art“ auch die arts physiques und arts méchaniques angesprochen. Diderots Kritik an der ‚Sprache der Künste‘ betrifft also nicht nur die geschriebene oder gesprochene. Vielmehr war mit dem Fehlen der ‚richtigen‘ / ‚eigenen‘ Worte nicht nur Worte, sondern auch andere Ausdrucksweisen der ‚Künstler‘ / ‚Wissenschaftler‘ gemeint.

Das Forschungsvorhaben möchte dem feinen Beziehungsgeflecht der Ausdrucksweisen in der ‚Sprache der Kunst‘ und ihrem Diderotschen Scheitern nachgehen.3 Hierzu werden Ausdruckweisen in der Kunstliteratur, und den Naturwissenschaften (vornehmlich im Bereich Optik in der Mathematik und Geometrie) untersucht. Es stellt sich zum einen die Frage, wie hier (tatsächlich) sprachliche Mittel und rhetorische Strategien im Zusammenhang mit den Interessen und Erkenntnissen zu Vorstellungen von der visuellen Wahrnehmung des Menschen und zu neuen Erfahrungen des Sehens stehen. Zum anderen möchte das Projekt erarbeiten, wie die visuelle ‚Sprache der Kunst‘ – also die Bildproduktion innerhalb der Wissenschaften sowie der zeitgleichen Kunstproduktion – zu verstehen ist.


1 Denis Diderot, Art, in: Denis Diderot und Jean-Baptiste Le Rond d’Alembert (Hrg), Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. Mis en ordre & publié par M. Diderot, de l’Académie Royale & des Belles-Lettres de prusse; & quant à la Partie Mathematique, par M. d’Alembert, de l’Academie Royale des Sciences de Paris, de celle de Prusse, & de la Societé Royale de Londres. Tome I, Paris 1751, S. 713–719, hier S. 716.

2 Ebd.

3 Vgl. Evelyn Dueck und Nathalie Vuillemin (Hg), »Der Augen Blödigkeit«. Sinnestäuschung, Trugwahrnehmung und visuelle Epistemologie im 18. Jahrhundert, Heidelberg 2016. Im Gegensatz zu den im Sammelband geführten Untersuchungen, nimmt das hiesige Forschungsvorhaben auch die ‚Bildsprache‘ in den Blick.

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