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Anne-Marie Bonnet

‚Moderne’ in deutsch-französischen Perspektiven: ein dialogue de sourds?

Zugespitzt gesagt erweist sich ein Vergleich des Verständnisses/der Auffassung ‚der Moderne’ in Frankreich und Deutschland gleichsam als Lackmustest einer ‚mésentente cordiale’ bzw. vieler fruchtbarer Missverständnisse. In historischer Perspektive gab es – mit Fokus auf die bildenden Künste – zwei Schübe von ‚Moderne’ in den 1870er Jahren (Impressionismus etc.) und dann im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts (um ca. 1905/06 mit Kubismus und Fauvismus) also genau zu den Zeiten, als es zwischen Frankreich und Deutschland zu politischen und kriegerischen Konflikten kam. Entsprechend war ‚Moderne Kunst’, deren Akzeptanz stets auch in ihrem damaligen Ursprungsland Frankreich kontrovers diskutiert wurde, dann in Deutschland zusätzlich mit dem Makel behaftet, ‚vom Erzfeind’ zu stammen. Bekanntlich bestand ohnedies das Vorurteil, die leichtfüßige/frivole französische ‚civilisation’ könne es nicht mit der seriösen deutschen ‚Kultur’ aufnehmen. So hatten es ‚moderne Impulse’ in Deutschland doppelt schwer gegen die Tradition anzukämpfen: zum einen sollte das althergebrachte bekämpft und zum anderen mussten ‚patriotische’/chauvinistische Vorurteile überwunden werden. Besonders aufschlussreich in dieser Hinsicht erweist sich das Schicksal des Expressionismus, ursprünglich ein französischer Import (zunächst eine Derain, Matisse Ausstellung in Berlin), der dann jedoch bald im Hin und Her zwischen Paris und Berlin zum Inbegriff der deutschen Ausdruckskunst wurde. Diese Mechanismen, sich gegenseitig mit präfigurierten Vorstellungen zu begegnen, bieten ein dankbares Feld zu Beobachtungen des interkulturellen Dialogs zwischen Frankreich und Deutschland. Insbesondere, wenn festgestellt werden kann, dass Parallelentwicklungen (Fauvisme / Dresdner Expressionismus) dann später (von der Kunstkritik) in ein Abhängigkeitsverhältnis gesetzt wurden.

Auch gilt es grundsätzlich, verschiedene Vorstellungen dessen, was ‚Kunst’ sei und leisten kann/soll zu überprüfen. Die Vorstellung des Künstlers als ‚Geistiger Führer’ (Nietzsche-Erbe in der deutschen Moderne bis Beuys) ist der französischen Kunst fremd. Noch einmal pointiert gesagt: Während ‚moderne Kunst’ in Deutschland eine Weltanschauung meint, eine Lebenseinstellung, wird in Frankreich vorwiegend Formales verhandelt, das nur in einem sekundären Moment ideologisch aufgeladen ist (s. Baudelaire, Le Peintre de la vie moderne).

Bereits hier beginnen die Schwierigkeiten, denn das Substantiv ‚die Moderne’ ist unübersetzbar. Was ist damit gemeint? La modernité? les arts modernes? la vie moderne? Von wem? Wozu? In der einstigen ‚Einflusskunstgeschichte’ galt ein französischer Einfluss wohl als nobilitierend, je nachdem, wer der Autor war.

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