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Programm

Zur Durchführung gemeinsamer und insbesondere interdisziplinärer Forschung und Lehre zu Fragestellungen, wie in Deutschland und Frankreich Europa und seine Kulturen konstruiert, praktiziert und kritisiert wurden und werden sowie zum gemeinsamen Auftreten unter einem Namen innerhalb und außerhalb der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn wurde das Centrum Ernst Robert Curtius (Centre Ernst Robert Curtius – CERC) an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn eingerichtet.

Das Bonner Frankreichzentrum ist nach einem der bekanntesten Lehrer der Universität benannt: Ernst Robert Curtius (1886-1956). Mit dieser Benennung knüpft das CERC – Centrum Ernst Robert Curtius auch programmatisch an die Schriften des berühmten Romanisten und Kulturwissenschaft­lers an. Nach einem Jahrhundert konfrontativer Gegenüberstellung von deutscher Kultur und französischer Zivilisation hat Curtius schon in seinen frühen literaturkritischen Arbeiten Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich (1919) und Französischer Geist im neuen Europa (1925) die völkerpsychologisch zugespitzten essenziellen Zuschreibungen nationalkultureller Anschauungen zu durchbrechen versucht, indem er die einem universellen Geist verpflichteten französischen Gegenwartsautoren vorstellte. Diese Erweiterung der Perspektive im Hinblick auf Europa gewinnt dann vor allem in seinem monumentalen, bis heute für kulturwissenschaftliche Betrachtungen unverzichtbaren Standardwerk Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (1948) Gestalt, wo er eine historische Topik beschreibt, die die tradierte kulturelle Einheit des Kontinents jenseits individueller und nationaler Eigenheiten herauszuarbeiten versucht.

Das Bonner Frankreichzentrum knüpft bewusst an die Profilbreite von Curtius als Literaturkritiker, Philologe und Kulturwissenschaftler an. Das Zentrum versteht sich im Unterschied zu den meisten Frankreichzentren in Deutschland als Forschungszentrum und hat folgenden Schwerpunkt: "Europäische Kulturen aus deutscher und französischer Perspektive".

Forschungskonzept, Interdisziplinarität, Kooperationen, Perspektiven

Dieser Forschungsschwerpunkt ist geleitet von der Grundannahme, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts die deutsch-französischen Beziehungen nicht mehr als ein ausschließlich bilateral zu erfassendes Phänomen betrachtet werden können. Vielmehr besteht Konsens darüber, dass diese Beziehungen in einen europäischen Rahmen einzubetten sind, der sich wiederum im Verhältnis und in der Wechselwirkung Europas zur globalisierten Welt definiert. Die vielfältigen Herausfor­derungen, mit denen die seit Churchills Zürcher Rede (1946) mühevoll aufgebauten europä­ischen „Ordnungen“ in den Bereichen Kultur, Politik, Gesellschaft, Recht, Wirtschaft und Finanzen konfrontiert sind, nehmen zu, während die „Ordnungen“ durch nationalistische, identitäre und protek­tionistische Konzepte, aber auch durch die Herausforderungen des Globalisierungsprozesses Schaden zu nehmen drohen. Vor diesem Hintergrund soll der Forschungsschwerpunkt "Europäische Kulturen aus deutscher und französischer Perspektive" die Gesamtheit der europäischen Dis­kurse und Konstruktionen auf den Prüfstand stellen, um Europa und seine weltweite Vernet­zung aus den wechselseitigen Perspektiven Deutschlands und Frankreichs theoretisch neu zu reflektieren und Anstöße für gesellschaftlich relevante Diskurse und praktische Weiterentwicklungen zu geben.

Im Bonner Forschungszentrum wird ein breiter Kulturbegriff zur Anwendung gebracht, wie ihn die „Kulturwissenschaften“ vertreten. Der stellenweise anzutreffenden begrifflichen Entleerung des Kulturbegriffs kann dadurch entgegengewirkt werden, dass die beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen ihren je eigenen (Teil-)Begriff der Kultur umreißen. An die verschiedenen Disziplinen wäre die Leitfrage zu stellen, wie aus ihrer Perspektive in Deutschland und Frankreich Europa und seine Kulturen konstruiert, praktiziert und kritisiert wurden und werden.

An diesen Forschungsschwerpunkt ist eine große Bandbreite wissenschaftlicher Diszi­plinen anschließbar, die Themen von europäischer Relevanz aus deutscher und französischer Perspektive bearbeiten. Dies betrifft zum einen so gut wie alle Forschungsbereiche der Philosophischen Fakultät (einschließlich ihrer Didaktiken), von Literaturen und Künsten über Philosophie, Geschichte und Sprachen bis hin zu politischen Kulturen, Gesellschaftsvergleichen und Medienkulturen; darüber hinaus aber auch die Theologien, die Rechts- und Wirtschaftskultu­ren, die Agrikultur, die historische Geographie oder auch die Medizin – und generell die Wissenschaftskulturen aller Disziplinen.

Kooperationen mit einschlägigen Institutionen und internationalen Forschungsnetzwerken wie dem Institut français, der Nordrhein-Westfälischen Aka­demie für Europäische und Internationale Politik, dem Internationalen Zentrum für Philosophie NRW, dem Center For Advanced Secu­rity, Strategic and Integration Studies (CASSIS), der Max-Weber-Stiftung, dem Deutschen Historischen Institut Paris, dem „Centre de recherches sur les nouveaux réalismes“ („Laboratoire international associé“ Bonn – Panthéon-Sorbonne (Paris I) – CNRS), dem internationalen Forschungsnetzwerk „Europäische Kulturen – Europäische Identität? / Cultures européennes – identité européenne?“ (Bonn – Sorbonne-Université – Florenz – Fribourg – Salamanca – Warschau – St Andrews – Sofia (Universität und Akademie) – Irvine, CA.), dem Bonner Käte Hamburger-Kolleg „Recht als Kultur“ sowie dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris bestehen bereits seit vielen Jahren oder sind im Aufbau.

Mit der Aufnahme der Arbeit des CERC können diese Kooperationen intensiviert und gebündelt werden. Auch in Abstimmung mit den Kooperationspartnern wird – dem Selbstverständnis des CERC als universitären Forschungszentrums folgend – mittelfristig ein größerer Forscherverbund entstehen. Im Rahmen der in der Gemeinsamen Erklärung des Rektorats und der Fakultätenkonferenz der Universität Bonn vom 17. Juli 2018 definierten transdisziplinären Forschungsbereichen der Universität wird das CERC mit seinem Forschungsschwerpunkt einen wichtigen Teil der Bereiche 4 „Individuen, Institutionen und Gesellschaften“ sowie 5, „Vormoderne Ordnungen und ihre Konfigurationen im transkulturellen Vergleich“ darstellen.

Ein zentrales Anliegen des CERC bildet darüber hinaus die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, indem der Forschungsschwerpunkt des CERC für die Fortent­wicklung der internationalen Studiengänge und Graduiertenkollegs der Bonner Universität nutzbar gemacht wird. Hier kann auf vielfältige, bereits seit Jahren intensiv betriebene internationale Kooperationen der Disziplinen der Philosophischen Fakultät aufgebaut werden, etwa nach dem Vorbild der „Deutsch-Französischen Studien“ (BA/MA, Bonn – Sorbonne Université), des Deutsch-Französischen Graduiertenkollegs „Masse und Integration in antiken Gesellschaften“ (Bonn – Strasbourg – Bern) oder des trinationalen Graduiertenkollegs „Europäische Gründungsmythen in Literatur, Kunst und Musik“ (Bonn – Sorbonne Université – Florenz).

Die gemeinsame Forschungstätigkeit am CERC vollzieht sich somit sowohl in disziplinbezogenen Einzelvorhaben von KollegInnen, die bereits bestehende Frankreichschwerpunkte sowie Kooperationen mit Frankreich betreiben oder solche aufbauen möchten, wie auch in interdisziplinären Vorhaben, sowohl innerhalb der vielfältigen Forschungslandschaft der gesamten Bonner Universität als auch in internationalen Verbünden.

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